Ihr habt das kurze Video für Social Media gerade zum dritten Mal neu aufgenommen. Das Licht stimmte nicht ganz, im Hintergrund stand noch eine Kaffeetasse, und irgendwie klangt ihr nicht so geschliffen wie der große Wettbewerber.
Euer Finger schwebt über dem „Veröffentlichen“-Button.
Und dann klickt ihr doch wieder auf „Entwurf speichern“.
Vielleicht kennt ihr das. Ihr schaut auf eure Website oder euer Profil und denkt: Eigentlich ist alles da. Das Logo sitzt, die Texte sind fehlerfrei.
Und trotzdem fühlt es sich nicht richtig an. Es wirkt glatt. Es klingt, als hätte es eine Agentur aus einer Schablone gepresst.
Wahrscheinlich liegt genau hier euer größtes Problem.
Ihr macht exzellente Arbeit. Aber sobald ihr damit nach draußen gehen wollt, schaltet sich eurer innerer Filter ein. „Ist das professionell genug? Was denken die alten Kollegen, wenn ich mich jetzt so unperfekt zeige?“ Ihr habt das Gefühl, ihr müsstet ein kleines Marketing-Theater aufführen, um im Markt ernst genommen zu werden.
Wie professionell müssen Videos und Texte für Social Media wirklich sein?
Eure Inhalte für Social Media müssen nicht hochglanzproduziert und fehlerfrei sein, sondern sie müssen exakt eurer echten, gelebten Arbeitsrealität entsprechen.
Dieser Perfektionsdruck lähmt. Er führt in der Praxis oft dazu, dass ihr am Ende entweder gar nichts postet – oder Inhalte veröffentlicht, die so weichgespült und von allen Ecken befreit sind, dass sie beim Gegenüber rein gar nichts mehr auslösen.
Wir verwechseln in unserer Kommunikation ganz oft Professionalität mit Perfektion.
Aber glatte Perfektion erzeugt keine Resonanz. Sie macht euch austauschbar. Wenn eure Kommunikation exakt so fehlerfrei, distanziert und steril klingt wie die eurer drei stärksten Mitbewerber – warum sollte dann jemand anhalten und denken: „Das bin ja ich. Genau die brauche ich“?
Wie funktioniert Sichtbarkeit ohne Selbstdarstellung im Alltag?
Sichtbarkeit ohne Selbstdarstellung funktioniert in der Praxis dann, wenn ihr euren normalen Arbeitsalltag in den Mittelpunkt stellt, anstatt eine künstliche Marketing-Rolle zu spielen.
In der Pilotfolge meines Podcasts „Sichtbar ohne Theater“ habe ich mit Steffi und Marc genau darüber gesprochen. Beide sind selbstständig, beide haben drei Kinder – und beide kennen diesen Knoten im Kopf sehr gut.
Steffi ist Musikpädagogin für Kinder. Auch sie stand am Anfang vor der unsichtbaren Hürde, wie sie auf Instagram auftreten soll. Der Druck, alles perfekt produzieren zu wollen, kostet im vollen Familienalltag schlicht zu viel Zeit und Energie.
Irgendwann hat sie diesen Anspruch losgelassen. Heute sitzt sie für ihre Videos oft einfach auf ihrer Wohnzimmer-Couch und singt Kinderlieder in die Handykamera. Kein Studio. Keine Maske. Einfach genau so, wie sie in ihren echten Kursen auch ist.
„Es bleibt nicht immer Zeit dafür, weil der Alltag einfach auch sehr voll ist, aber immer wenn Zeit dafür ist und ich Lust habe oder eine coole Idee, mache ich das einfach mittlerweile.“ Stefanie Wendling, Musikpädagogin
Marc ist Personal Trainer. Er trat online lange Zeit als „Holistic Coach“ für Ernährung, Bewegung, Schlafoptimierung und Stressreduktion auf.
Dann drehte er die Perspektive. Als dreifacher Vater rückte er seinen eigenen Alltag in den Mittelpunkt und nennt sich heute „Powerpapa“. Statt sich im High-End-Fitnessstudio perfekt auszuleuchten, filmt er sich auf dem Spielplatz, wie er am Klettergerüst Klimmzüge macht. Sein Rat für die eigene Sichtbarkeit ist simpel und direkt:
„Nicht in Perfektion sterben, sondern einfach wirklich mal anfangen, ohne Hintergedanken, was können andere über mich denken, durchziehen, machen und dann klappt es auch.“ Marc Wendling, Personal Trainer
Warum hilft echte Kommunikation gegen die Angst, sich auf Social Media zu zeigen?
Die Angst vor der Sichtbarkeit verschwindet meist in dem Moment, in dem ihr erkennt, dass Menschen online nicht euer technisches Setup bewerten, sondern sich in eurer Realität wiedererkennen wollen.
Eltern sehen Steffi auf der Couch, spüren den Trubel im Hintergrund und denken: „Die ist wie ich. Dieser Frau vertraue ich mein Kind an.“ Väter sehen Marc auf dem Spielplatz und denken: „Genau da will ich auch wieder hin – fit genug sein, um mit den Kids toben zu können.“
Resonanz entsteht nicht durch die perfekte Kameraeinstellung. Resonanz entsteht, wenn das Gegenüber seine eigene Lebensrealität sofort wiedererkennt.
Mir selbst ging es vor einiger Zeit ganz ähnlich. Ich war spazieren, der Wind pfiff ins Mikrofon, die Kameraperspektive von unten war furchtbar. Früher hätte ich das Material sofort gelöscht, weil es nicht meinem Corporate Design entsprach.
„Ich habe bestimmt 30 Aufnahmen gemacht. Und irgendeine habe ich dann genommen, weil ich mir dachte, komm, scheiß drauf jetzt. Es ist jetzt gut, es wird nicht perfekt.“ Christian Buhl, Berater für Strategische Kommunikation
Die Reaktionen auf diesen unperfekten Schnappschuss waren direkter, echter und intensiver als auf viele meiner durchgestylten Fachbeiträge. Warum? Weil Menschen nicht das Video-Setup bewerten, sondern den Gedanken dahinter.
Wo liegt die Grenze zwischen authentischem Marketing und unprofessioneller Arbeit?
Wir müssen hier kurz aufpassen: Authentisch und unperfekt zu sein, ist niemals eine Ausrede für schlechtes Handwerk.
Wenn euer Angebot im Kern nicht gut ist, rettet euch auch keine sympathische Wohnzimmer-Couch. Ihr müsst in eurem Fachbereich sauber arbeiten und exzellente Qualität liefern. Aber ihr müsst eure Qualität eben nicht in Hochglanzpapier einwickeln, um sie zu beweisen.
Menschen verzeihen euch ein wackeliges Video, einen kleinen Versprecher oder ein unscharfes Foto sofort. Was sie euch online nicht verzeihen, ist fehlende Relevanz und künstliche Distanz.
Vertrauen entsteht immer dann, wenn das, was jemand digital von euch sieht, exakt dem entspricht, was er bekommt, wenn er euch später im wahren Leben anruft. Eure Unperfektheit ist dabei kein Makel. Sie ist für den Leser der Beweis, dass am anderen Ende keine Werbeagentur sitzt, sondern ein echter Mensch.
Muss ich mich für Social Media zeigen? Wie ihr eure Beiträge vorab prüft
Ihr müsst auf Social Media keine Show abziehen, aber ihr müsst durch klare und echte Botschaften Gesicht zeigen, damit Kunden euch vertrauen können.
Vergesst vor dem nächsten Klick auf „Veröffentlichen“ für einen Moment die Checklisten für den besten Social-Media-Algorithmus. Stellt euch stattdessen diese zwei einfachen Fragen:
- Spiegelt dieser Text meine tatsächliche Arbeitsrealität wider – oder versuche ich, glatter oder distanzierter zu wirken, als ich bin?
- Würde ich in einem echten, persönlichen Beratungsgespräch exakt diese Worte benutzen?
Gute Arbeit reicht nicht, wenn sie digital niemand erkennt. Aber um sie sichtbar zu machen, müsst ihr euch nicht verstellen.
